6.3 Passiv Sprechende / Pasiwnje powědajuce
Passiv Sprechende haben Niedersorbisch gelernt – in der Kita, der Schule, als Erwachsene oder durch familiäre Sozialisation – nutzen es aber derzeit nicht aktiv. Sie können die Sprache verstehen und wären bei entsprechender Unterstützung in der Lage, sie wieder aktiv zu sprechen. Diese Gruppe ist oft unsichtbar in der Sprachplanung, aber sie stellt eines der größten ungenutzten Potenziale der Revitalisierung dar.
Zur Gruppe gehören vor allem Absolvent:innen des WITAJ-Programms, die nach dem Schulabschluss keine Nutzungskontexte mehr finden; ältere Personen, die in ihrer Kindheit oder anderen Lebensabschnitten Sorbisch gesprochen haben und die Sprache durch Assimilationsdruck oder andere Gründe aufgaben; sowie Schulabgänger:innen, die nach dem Übergang in weiterführende Schulen ohne Sorbischangebot oder Wegbrechen des bestehenden Sorbischangebotes den Kontakt verloren haben.
Passiv Sprechende benötigen keine vollständig neuen Lernangebote, sondern Reaktivierungsformate – kurze, intensive Angebote, die an vorhandene Kenntnisse anknüpfen und den Wiedereinstieg erleichtern. Entscheidend ist dabei das Fehlen von Leistungserwartungen: Viele Passiv Sprechende schrecken vor aktiver Nutzung zurück, weil sie fürchten, Fehler zu machen oder nicht mehr „gut genug" zu sein. Sichere Sprachräume sind für diese Gruppe das wichtigste Format.
Das strategische Potenzial dieser Gruppe ist erheblich: Eine erfolgreiche Reaktivierung auch nur eines Teils der Witaj-Absolvent:innen würde die Zahl aktiver Sprecher:innen signifikant erhöhen, ohne den langen Weg des Neuerwerbens gehen zu müssen.