4.1 Sprachvitalität: Bestand und Tendenz / Rěcna witalnosć: Wobstatk a tendenca
Die Sprache befindet sich in einer postvernakulären Phase (Běrinkowa et al. 2026). Die intergenerationelle Weitergabe in Familien ist seit mehreren Generationen weitgehend unterbrochen. Niedersorbisch wird heute primär durch formale Bildung (Kita, Schule) und durch das freiwillige Engagement von Lerngemeinschaften erworben. Die Sprachgemeinschaft wird zunehmend von Neusprechenden getragen - Personen, welche diese durch Immersions- oder zweisprachige Bildungsprogramme, Wiederbelebungsprojekte oder als erwachsene Sprachschüler:innen erwerben (O’Rourke/Pujolar/Ramallo 2015, S. 1). Dieser Wandel in der Zusammensetzung der Sprachgemeinschaft hat grundlegende Konsequenzen für die Sprachplanung, denn Strategien, die auf den Erhalt einer existierenden Sprecher:innenschaft ausgerichtet sind, greifen zu kurz oder gar nicht. Notwendig ist eine Strategie, die aktiv neue Sprachräume schafft und Menschen auf dem Weg zu aktivem Sprechen begleitet (Běrinkowa & Laschewski 2025/AP9).
Trotz dieser herausfordernden Ausgangslage zeigen sich positive Signale: Spracheinstellungen haben sich verbessert, negative Einstellungen gegenüber dem Sorbischen sind zurückgegangen, und insbesondere bei jüngeren Menschen ist ein wachsendes Interesse an Sprache und sorbischer Identität beobachtbar. Aktive Akteur:innen beschreiben ein Gefühl des „Aufschwungs" (Běrinkowa, Laschewski & Rädel 2026). Dieses Momentum zu nutzen und zu verstärken, ist eine zentrale strategische Aufgabe.