4.2 Bildungssystem/Kubłański system
Das Bildungssystem ist gegenwärtig der bedeutendste Kanal für den Spracherwerb des Niedersorbischen. In den letzten Jahren nahmen durchschnittlich etwa 1700 Schüler:innen pro Jahr am Sorbischunterricht teil. Sorbischunterricht wird an etwa 20 Schulen im Grundschulbereich sowie an einigen Oberschulen und am Niedersorbischen Gymnasium auch für die Sekundarstufe angeboten. Gegenwärtig reicht das Angebot nicht aus, um Sorbischunterricht im gesamten angestammten Siedlungsgebiet der Sorben/Wenden in der Schule erlernen zu können. Der Sorbischunterricht im staatlichen Bildungssystem ist eine seit Jahrzehnten etablierte und anerkannte Struktur. Sie stellt einen zentralen Baustein für den Erhalt und perspektivisch auch die Revitalisierung der niedersorbischen Sprache dar. Trotz dieser herausragenden Funktion existiert bis heute kein kohärentes Konzept für den Sorbischunterricht, in dem Prioritäten, Entscheidungskriterien und Maßnahmen dargelegt sind. Des Weiteren ist festzustellen, dass das Monitoring bislang lediglich in rudimentärer Form entwickelt wurde.
Gegenwärtig sieht sich der sorbische Sprachunterricht mit einer Reihe signifikanter Herausforderungen konfrontiert. Aus der Perspektive der Revitalisierung ergeben sich grundlegende Anforderungen an die schulische Ausbildung, die sich auf die Qualität, den Zugang und den Umfang der Sprachausbildung sowie auf die Integration der Schüler in die sorbische Sprachgemeinschaft als aktive Sprachnutzer:innen beziehen.
Die vorrangige Herausforderung besteht derzeit im akuten Lehrkräftemangel. Gegenwärtig stehen nicht genügend Absolvent:innen zur Verfügung, um die aus dem Dienst ausscheidenden Lehrkräfte zu ersetzen. Die Erweiterung des Angebots an Sorbischunterricht ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht realisierbar. Für eine Übergangsphase stellt sich vielmehr die Frage einer sinnvollen Konsolidierung.
Der Mangel an Lehrkräften stellt nicht nur eine spezifische Herausforderung für den Sorbischunterricht dar, sondern ist vielmehr ein allgemeines Problem, das die brandenburgische Schulpolitik betrifft. Für das Fach Sorbisch deckt die Lehramtsausbildung, die bis 2026 ausschließlich am Institut für Sorabistik an der Universität Leipzig angesiedelt war, den Bedarf einer der Rechtslage entsprechenden oder an sprachplanerischen Notwendigkeiten orientiert ausgebauten Sprachbildung nicht ab. Mit der Lehramtsausbildung für das Fach Sorbisch an der BTU Cottbus–Senftenberg wird ab dem Wintersemester 2026 ein zusätzliches Angebot für die Lehramtsausbildung im Primarbereich bereitgestellt. Gemäß der aktuellen Sachlage ist jedoch erst ab dem Jahr 2031 mit einem Einsatz der Absolvent:innen dieses Studiengangs zu rechnen.
Der bereits bestehende Mangel an Lehrkräften wird durch den Mangel an Sorbischlehrkräften zusätzlich verschärft, da diese auch eingesetzt werden, um Mängel in anderen Fächern auszugleichen. In der schulplanerischen Praxis steht der Sorbischunterricht folglich in Konkurrenz zu anderen Unterrichtsangeboten. Die Entscheidungen über den aufrechtzuerhaltenden Unterricht sowie die Verhältnismäßigkeit etwaiger Einschränkungen werden häufig intransparent und für Dritte ohne nachvollziehbare sprachpolitische Kriterien getroffen.
Die Qualität der Sprachausbildung wird durch die Implementierung spezifischer Unterrichtsformate sowie durch die Bereitstellung konsistenter Lernangebote gewährleistet. Der bilinguale Unterricht, der auf dem WITAJ-Modell basiert, wird gemeinhin als eine effektive Methode betrachtet, um aktive Sprecher:innen zu fördern und Lehrressourcen im Vergleich zu reinem Fremdsprachenunterricht effizienter zu nutzen. Nichtsdestotrotz ist das Angebot auf eine geringe Anzahl an Schulen sowie auf eine begrenzte Anzahl an Fächern und Unterrichtswochenstunden beschränkt. Sechs Schulen bieten bilingualen Unterricht für den Grundschulbereich an, während das Niedersorbische Gymnasium auch für die Sekundarstufe entsprechende Angebote bereitstellt. In den übrigen Schulen wird Sorbisch sowohl als Begegnungssprache als auch als Fremdsprache unterrichtet.
Durchgängige Lehrbiografien sind gegenwärtig eher die Ausnahme als die Regel. Zentrale Herausforderungen sind oft fehlende oder schlecht abgestimmte Übergänge sowohl zwischen Kita (Witaj-Kindergärten) und Grundschule sowie zwischen Grund- und weiterführenden Schulen. In der Grundschule nimmt die Zahl der teilnehmenden Schüler von der ersten bis zur sechsten Klasse deutlich ab. Für den Schulwechsel nach Klasse 4 bzw. 6 fehlen belastbare Daten zu Abbruchursachen, da eine systematische Erfassung der personenbezogenen Bildungsverläufe bisher nicht erfolgt ist. Gesicherte Anschlussperspektiven auf der Angebotsseite gibt es nach der Grundschule faktisch nur für das Bildungsziel der Allgemeinen Hochschulreife über das Niedersorbische Gymnasium.
Es ist evident, dass der schulische Spracherwerb allein nicht ausreicht, um aktive Sprecher:innen hervorzubringen. Internationale Evidenz zeigt, dass es für den Erwerb der aktiven Sprachverwendung essenziell ist, zusätzliche informelle Sprachräume außerhalb des Unterrichts zu schaffen (vgl. Kostiučenko 2025/AP10). Selbst die renommierteste Bildungseinrichtung ist nicht in der Lage, eine fehlende Sprachgemeinschaft im Alltag zu kompensieren.
Die Produktion niedersorbischer Lehr- und Lernmaterialien zeichnet sich durch eine für eine Minderheitensprache bemerkenswerte kooperative und auf Kontinuität angelegte Struktur aus, die das WITAJ-Sprachzentrum (RCW), ABC und den Domowina-Verlag in einer arbeitsteiligen Kooperation verbindet. Im Vergleich mit anderen autochthonen Minderheiten- und Regionalsprachen in Deutschland ist der Ausbaustand hoch; im Primarbereich ist die Versorgung nicht nur gesichert, sondern übersteigt die tatsächliche Nachfrage teilweise, sodass dort eher von einem Überangebot als von einer Lücke zu sprechen ist.
Eine zentrale Entwicklungsaufgabe besteht in der Bewältigung der historisch gewachsenen Dominanz von Druckmedien. Im Vergleich zum Druckbestand sind audio- sowie audiovisuelle Formate signifikant unterrepräsentiert, während interaktive Formate eine vergleichsweise hohe Präsenz aufweisen. Es liegen digitale Angebote vor, die jedoch bislang nur in geringem Maße mit den übrigen Lehr- und Lernstrukturen verzahnt sind und selten systematisch in den Unterricht eingebunden werden. Ein Nutzungsmonitoring findet nicht statt; eine übergreifende Plattform, die die vorhandenen Ressourcen für formale wie nichtformale Lernende bündelt und auffindbar macht, existiert bisher nicht — was angesichts des Materialbestands weniger ein Produktions- als ein Erschließungsproblem darstellt.