4.3 Erwachsenenbildung / Kubłanje dorosćonych
Die Erwachsenenbildung ist ein Schlüsselelement jeder Sprachrevitalisierungsstrategie – und zugleich ein bisher strukturell vernachlässigter Bereich der niedersorbischen Spracharbeit. Gemessen am schulischen System, in dem derzeit etwa 70 Lehrkräfte aktiv sind, verfügt die Erwachsenenbildung über sehr begrenzte Ressourcen. Sprachpolitische Akteur:innen aller Befragungsrunden bewerten den Stellenwert der Erwachsenenbildung zwar als hoch, schätzen aber die Bemühungen in diesem Bereich übereinstimmend als zu gering ein.
Die Schule für niedersorbische Sprache und Kultur in Cottbus/Chóśebuz (wiedereröffnet 1992 in Trägerschaft der Stadt, mitfinanziert durch Landkreis Spree-Neiße/Wokrejs Sprjewja-Nysa und Stiftung für das sorbische Volk) und das Zorja-Projekt (2023-31, in Trägerschaft der Domowina Niederlausitz Projekt gGmbH, zehnmonatiges stipendienbasiertes Intensivformat in Dešno/Dissen, finanziert aus Strukturwandelmitteln) bilden heute die tragenden Säulen der Erwachsenenbildung. Zorja wendet erstmals das international etablierte Master-Apprenticeship-Konzept im niedersorbischen Kontext an und wurde inzwischen für die Oberlausitz unter dem Namen Domoj adaptiert. Beide Programme werden als zivilgesellschaftlich eingebettet und reaktionsfähig wahrgenommen – ein Qualitätsmerkmal, das das Schulsystem so nicht besitzt.
Die Erwachsenenbildung leidet unter einer strukturellen Schlechterstellung gegenüber dem Schulsystem, die für die nichtberufliche Bildung in Deutschland typisch ist: Dozent:innen sind schlechter bezahlt, ohne Verbeamtungsperspektive und häufig nicht pädagogisch ausgebildet. Ein eigens entwickeltes Curriculum für den Erwachsenensprachunterricht fehlt. Auch geeignete Materialien für diese Zielgruppe sind kaum vorhanden (nur 3 % der erfassten Lehr- und Lernmaterialien richten sich an Erwachsene) und nicht immer aktuell. Sprachliche Kompetenz auf C-Niveau nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GER) ist durch die vorhandenen Angebote kaum erreichbar. Für den Bereich der beruflichen Bildung – insbesondere für Auszubildende und Beschäftigte in der öffentlichen Verwaltung des Siedlungsgebiets – existieren bisher keine strukturierten Kursangebote. Die Heterogenität der Zielgruppe der erwachsenen Sprachlernenden wurde bisher nur unzureichend berücksichtigt. Für die Entwicklung von Lehrmaterialien und die didaktischen Aspekte ist diese Heterogenität jedoch äußerst relevant, da individuelle Hintergründe, Kenntnisse weiterer Sprachen, Bildungsbiografien und Herkunft unterschiedliche Bedürfnisse und Anforderungen an den Erwerb des Niedersorbischen mit sich bringen.