10. Koordinierungs- und Steuerungsstrukturen / Koordiněrujuce a wjedujuce struktury
[Der folgende Abschnitt enthält noch zu diskutierende Alternativen. Kapitel in Bearbeitung]
Der sprachplanerische Prozess im Sinne eines nie endenden Kreislaufs aus Bestandsaufnahmen, Zieldefinitionen, Maßnamenentwicklung, Umsetzung, Begleitung der Umsetzung und Zielerfolgskontrolle/erneuter Bestandsaufnahme muss koordiniert und gesteuert werden. Derzeit gibt es keine Struktur, die diese Funktion innehat oder ohne Änderungen übernehmen könnte. Zudem sind Partizipations- und Legitimitätsaspekte zu berücksichtigen. Die Arbeitsbezeichnung ist hier zunächst "Sprachagentur". Für die genaue Ausgestaltung und organisatorische Anbindung sind verschiedene Modelle zu diskutieren, ihre Vor- und Nachteile abzuwägen. Auf jeden Fall müssen Ressourcen für eine hauptamtliche Absicherung der Grundfunktion vorgesehen werden. Der Vergleich der “jo!zatebje"- und "SROKA"-Projekte zeigt den Unterschied zwischen der Betreuung der Sprachplanung als einer Aufgabe neben mehreren oder verfügbaren Ressourcen explizit für die Aufgabe der Sprachplanung. Eine rein ehrenamtliche Organisationsform erschwert zudem die Zusammenarbeit mit institutionellen und Verwaltungs-Akteuren.
Die erste zu klärende Grundfrage ist die Verortung in staatlichen Strukturen in Eigenverantwortung der Sprachgemeinschaft oder in kooperativen Strukturen. Aufgrund der zentralen Funktionen der öffentlichen Hand (rechtliche Rahmenbedingungen, Ressourcenentscheidungen, staatliches Bildungswesen, kommunale Verantwortungsbereiche) ist eine Einbeziehung staatlicher Stellen unabdingbar. Hier ist insbesondere die Einbindung der kommunalen Sorbenbeauftragten zu berücksichtigen. Andererseits muss die Hauptverantwortung für die Festlegung sprachlicher Ziele bei der Sprachgemeinschaft selbst liegen oder diese zumindest Vetomöglichkeiten besitzen.
Für eine Ausgestaltung der Sprachagentur als (quasi-)staatliche Einrichtung gäbe es mehrere Varianten:
- die Einrichtung einer:s unabhängigen Sorbisch- (bzw. Sorben-) Beauftragten
- als eigene Behörde (vergleichbar mit Language Commissionern oder Language Boards, Vorteil: von der Regierung unabhängige Struktur mit eigenen Kompetenzen; Nachteil: Einbindung in sorbische institutionelle Strukturen, Legitimierung in Sprachgemeinschaft)
- die Einrichtung einer:s Sorbisch- (bzw. Sorben-) Beauftragten der Landesregierung (existiert juristisch bereits [SWG]; Vorteil: Koordination innerhalb der Landesregierung, Nähe zu haushaltspolitischen Entscheidungen; Nachteil: fehlende Unabhängigkeit, insb. in regierungskritischen Punkten, Einbindung in sorbische institutionelle und zivilgesellschaftliche Strukturen, Legitimierung in Sprachgemeinschaft, wenn wie bisher, dann ist Sorbisch nur ein Thema unter Vielen, begrenzter Zugang zu Kommunen, auch keine Konzentration auf Sprache, legislaturabhängig)
- die Einrichtung einer:s Sorbisch- (bzw. Sorben-) Beauftragten beim Landtag (Vorteil: Einbindung in Legislative/Parlament und Unabhängigkeit gegenüber Exekutive/Regierung, Nachteil: Stellung gegenüber Kommunen, Einbindung in sorbische institutionelle und zivilgesellschaftliche Strukturen, Legitimierung in Sprachgemeinschaft, ggf. legislaturabhängig)
- die Einrichtung eines Landesamtes für Regional- und Minderheitensprachen (Vorteil: könnte verwaltungsuntypische, konzeptionelle, Projekt- u. ä. Fragen aus der Landesverwaltung [MWFK, MBJS, LIBRA] ausgliedern, könnte vergleichbare Aktivitäten für beide Sprachen in Brandenburg bündeln und evtl. Synergien erzeugen; Nachteil: Stellung gegenüber Kommunen, Einbindung in sorbische institutionelle und zivilgesellschaftliche Strukturen, Legitimierung in Sprachgemeinschaft)
Für die Zuordnung einer bestimmten “sorbischen” Struktur gäbe es derzeit verschiedene Optionen:
- Rat für Angelegenheiten der Sorben/Wenden (direkt demokratisch legitimiert, Nachteil, hat nicht nur Sprache als Aufgabe, als Parlamentsgremium legislaturabhängig; Sprachplanung ist keine parlamentarische Aufgabe)
- Domowina – Bund Lausitzer Sorben mit seinem WITAJ-Sprachzentrum (als sorbischer Dachverband mit grundlegenden Fragen des sorbischen Volkes befasst; Nachteil: Stellung im sorbischen Institutionengefüge [nicht unabhängig, nicht übergeordnet, eigene Interessen], Einbeziehung außerhalb der Domowina befindlicher Teile der Sprachgemeinschaft)
- Sorbisches/Wendisches Aktionsnetzwerk (ruhend, institutionelle Verantwortung ungeklärt, keine Rechtsperson, keine Ressourcen)
- Landeskonferenz der Sorben/Wenden-Beauftragten (Vorteil Einbindung von Land und Kommunen und ohnehin mit sprachplanerischen Aspekten befasst; Nachteil: keine Rechtsperson, keine Ressourcen, nicht unabhängig durch die Einbindung in Verwaltungen; Einbindung in sorbische institutionelle und zivilgesellschaftliche Strukturen, Legitimierung in Sprachgemeinschaft)
- Stiftung für das sorbische Volk (für institutionsübergreifende Koordinierung innerhalb des stiftungsgeförderten Systems praktikabel, Einbindung in System der sorbischen Ressourcenverteilung und Zielvereinbarungen, Staat und Kommunen über Stiftungsgremien eingebunden; Nachteil: nicht nur mit Sprache befasst, keine Kompetenz ggü. Strukturen außerhalb des Stiftungssystems; Legitimitätsprobleme im Hinblick auf sprachplanerische Entscheidungen)
- Die Serbska rěcna strategija empfiehlt die Einrichtung eines sprachpolitischen Netzwerks, das staatliche Institutionen und zivilgesellschaftliche Organisationen unter einem gemeinsamen Dach koordiniert (AP11, These 16). Dieses Netzwerk übernimmt nicht die Umsetzung von Maßnahmen – das ist Aufgabe der jeweils zuständigen Träger –, sondern steuert den strategischen Prozess: Es begleitet das Monitoring, berät über Prioritäten und verantwortet die regelmäßige Fortschreibung. Voraussetzungen für ein funktionierendes Netzwerk sind Vertrauen, Transparenz und Selbstverpflichtung aller Beteiligten sowie klar geregelte Mechanismen der Konfliktregulierung (AP11, These 17). Das Netzwerkmodell hat sich in vergleichbaren Kontexten – etwa dem Manx Language Network oder walisischen Planungsstrukturen – als flexibel und anpassungsfähig erwiesen, besonders für Gemeinschaften, deren Sprachplanung auf mehrere staatliche Ebenen und zivilgesellschaftliche Träger verteilt ist (AP11, These 15). Gleichzeitig waren bisherige sorbische/wendische Netzwerkstrukturen (Sorbisches/Wendisches Bildungs- bzw. Aktionsnetzwerk) nicht nachhaltig.