Einleitung / Zawěźenje
1.1 Kontext und Entstehung des Dokuments / Kontekst a nastawanje dokumenta
Niedersorbisch – dolnoserbšćina – ist eine westslawische Sprache, die seit Jahrhunderten in der Niederlausitz gesprochen wird. Sie ist heute eine der am stärksten gefährdeten Sprachen Europas. Trotz eines gesetzlich verankerten Schutzes, institutioneller Fördermechanismen und jahrzehntelanger Spracharbeit hat die Zahl aktiver Sprecher:innen weiter abgenommen. Die Sprache ist kulturell präsent in der Niederlausitz, allerdings übersteigt in vielen Lebensbereichen der symbolische den kommunikativen Wert. Sie wird nicht mehr in der Breite von Generation zu Generation weitergegeben, sondern vor allem von einer Gemeinschaft aus Lernenden, neuen Sprecher:innen und engagierten Aktiven getragen (Běrinkowa, Laschewski & Rädel 2026).
Die vorliegende Serbska rěcna strategija – Niedersorbische Sprachstrategie entstand im Rahmen des SROKA-Projekts (2023–2031), eines aus Mitteln des Strukturwandels finanzierten Forschungs- und Beteiligungsprozesses, angesiedelt am Serbski institut/Sorbischen Institut. Ziel des Prozesses war es, erstmals eine umfassende, von allen relevanten Akteur:innen getragene Sprachstrategie für das Niedersorbische zu entwickeln – ausgehend von einem breiten öffentlichen Dialog mit Zivilgesellschaft, Institutionen, Bildungseinrichtungen und Kommunen.
[Absatz zur Beschreibung der Entstehung der Strategie wird noch ergänzt]
Die Strategie setzt an einem zentralen Befund an: Bisherige Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung des Niedersorbischen weisen ein strukturelles Implementationsdefizit auf. Zwischen rechtlichen Schutzversprechen und gelebter Sprachpraxis besteht eine Lücke, die nur durch koordiniertes, zielgruppenorientiertes und evidenzbasiertes Handeln geschlossen werden kann.
Bei der Erarbeitung dieser Strategie wurden internationale Erfahrungen aus vergleichbaren Kontexten einbezogen. Besonders relevant waren die Manx Language Strategy (Isle of Man, 2019), die Stratégie de la langue bretonne (2023), das walisische Modell sowie die Arbeit des First Peoples’ Cultural Council (British Columbia) im Bereich indigener Sprachrevitalisierung. Diese Beispiele zeigen: Wirksame Sprachstrategien verbinden klar formulierte Ziele, institutionelle Verankerung, ausreichende Ressourcen und konsequente Erfolgsmessung miteinander. Ebenfalls einbezogen wurden die Erfahrungen und Ergebnisse aus einem Vorläufer-Ansatz zur Entwicklung einer niedersorbischen Sprachplanung (“jo!zatebje” 2013-2021).
1.2 Ziel und Charakter des Dokuments / Zmaěr a charakter dokumenta
Die Serbska rěcna strategija ist kein staatlicher Aktionsplan, sondern ein gemeinsamer Orientierungsrahmen für Akteur:innen, die an der Pflege, Förderung und Revitalisierung der niedersorbischen Sprache beteiligt und interessiert sind – staatliche Institutionen ebenso wie zivilgesellschaftliche Organisationen, Kommunen, Bildungseinrichtungen, Unternehmen, sorbische/wendische Institutionen und Einrichtungen und einzelne Sprecher:innen.
Das Dokument verfolgt drei Ziele: Erstens schafft es eine gemeinsame Grundlage für die Revitalisierung, indem es eine geteilte Vision formuliert, strategische Ziele definiert und Handlungsfelder benennt. Wo bisher parallele oder unkoordinierte Aktivitäten nebeneinanderstanden, bietet die Strategie einen kohärenten Rahmen. Zweitens ermöglicht die Strategie Selbstverpflichtung und Rechenschaftspflicht: Akteur:innen, die die Strategie unterzeichnen oder ihr beitreten, bekennen sich zu den formulierten Zielen und erklären sich bereit, ihren Beitrag zu leisten und sich an der Erfolgsmessung zu beteiligen. Drittens ist die Strategie als lebendes Dokument konzipiert: Sie wird nicht einmalig verabschiedet und archiviert, sondern regelmäßig – empfohlen alle drei bis fünf Jahre – auf der Grundlage von Monitoringergebnissen und veränderten Rahmenbedingungen fortgeschrieben.
1.3 Aufbau und Leseanleitung / Natwaŕ a wukazanje za cytanje
Das Dokument gliedert sich in zehn Kapitel. Die Kapitel 2 bis 4 liefern die Grundlagen: eine Einführung in die Situation der niedersorbischen Sprache und ihren rechtlichen Status, eine Verortung der Strategie im Verhältnis zu bestehenden Planungen sowie eine Situationsanalyse auf der Basis wissenschaftlicher Daten. Kapitel 5 formuliert Vision und Ziele. Die Kapitel 6 bis 9 sind handlungsorientiert: Sie beschreiben die relevanten Zielgruppen und deren Bedarfe, entwickeln Maßnahmen in den Handlungsfeldern Bildung, Sprachräume, Digitales und Öffentlichkeit und legen ein Monitoring-Framework vor. Kapitel 10 regelt die Fortschreibung.
Für Leser:innen, die sich schnell orientieren möchten: Vision und strategische Ziele finden sich in Kapitel 5. Die Tabellen in Kapitel 6 bieten einen kompakten Überblick über Zielgruppen und geplante Maßnahmen. Die Gesamtübersicht aller Maßnahmen ist in Anhang C zusammengefasst.